Vergangene Veranstaltungen
Nachhaltigkeit als Karriereweg: Vernetzen. Inspirieren. Verändern.
Rückbericht zum Nachhaltigkeits-Karriere-Event der SIAK-Plattform Nachhaltigkeit im „42“ Kaiserslautern
Am 29. Januar 2026 lud die SIAK-Plattform Nachhaltigkeit (Science & Innovation Alliance Kaiserslautern e.V.) gemeinsam mit dem Lehrstuhl für BWL, insbesondere Sustainability Management der RPTU Kaiserslautern-Landau zu einem intensiven Nachmittag unter dem Motto „Nachhaltigkeit als Karriereweg“ ein. In der Denkfabrik des Kaiserslauterer Innovationszentrums „42“ kamen rund 80 Teilnehmende aus Wissenschaft, Wirtschaft und Studierendenschaft zusammen, um die Transformation zur Nachhaltigkeit nicht nur als ethische Verpflichtung, sondern als konkretes, interdisziplinäres Berufsfeld zu beleuchten.
Eingebettet in das Projekt „SustainAbility – Interdisziplinär Denken und Handeln“, zielte die Veranstaltung darauf ab, die oft abstrakten Konzepte des Nachhaltigkeitsmanagements durch konkrete Karrierebeispiele und technologische Einblicke greifbar zu machen.
1. Begrüßung: Die neue Reife des Nachhaltigkeitssektors
Die Veranstaltung wurde pünktlich um 14:00 Uhr durch Prof. Dr. Katharina Spraul (RPTU), Dr. Peter Guckeniehl (SIAK) und Josef Apfel (FUCHS LUBRICANTS GERMANY GmbH) eröffnet. Die Moderation des gesamten Events übernahm Carolin Langhauser (RPTU), die charmant und souverän durch das vielfältige Programm führte. In ihrer Einleitung setzte Prof. Spraul den strategischen Rahmen, indem sie auf die aktuelle Dynamik am Arbeitsmarkt hinwies. Basierend auf einer aktuellen LinkedIn-Studie erläuterte sie, dass sich das Feld des Nachhaltigkeitsmanagements in einer Phase der Differenzierung befindet. Während Rollen im Bereich Compliance und Reporting – getrieben durch die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) – eine erste Sättigung erfahren, entsteht ein massiver Bedarf an strategischen Transformationsmanager:innen, die Nachhaltigkeit tief in die Kerngeschäftsprozesse integrieren können.
Wissenschaftlich lässt sich diese Entwicklung als Übergang von der rein defensiven CSR hin zur strategischen Corporate Sustainability einordnen. Josef Apfel unterstrich dies für die industrielle Praxis: Nachhaltigkeit sei für globale Konzerne kein „Add-on“ mehr, sondern ein essentieller Faktor für die Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit in volatilen Märkten. Die SIAK versteht sich hierbei als Katalysator, um den wissenschaftlichen Nachwuchs der Region direkt mit den Bedarfen der Wirtschaft zu vernetzen.
2. Erster Impuls: Renewable Carbon – Die Zukunft der Chemie
Den inhaltlichen Auftakt machte Dr. Anke Schwarzenberger vom nova-Institut mit ihrem Vortrag zur „Renewable Carbon Initiative (RCI)“. Ihr Beitrag adressierte das fundamentale Paradoxon der Chemieindustrie: Während Energie dekarbonisiert werden kann, bleibt die stoffliche Basis der organischen Chemie kohlenstoffbasiert.
Dr. Schwarzenberger argumentierte, dass der Fokus auf „Dekarbonisierung“ in der Materialwirtschaft fehlgeleitet sei. Kunststoffe, Textilien und Medikamente bestehen aus Kohlenstoff. Die Lösung liege daher in der Defossilisierung – dem Ersatz von fossilem Kohlenstoff (Erdöl, Erdgas, Kohle) durch erneuerbare Quellen. Die RCI definiert hierfür drei Säulen:
Biomasse: Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe, wobei Flächenkonkurrenz kritisch reflektiert werden muss.
Recycling: Die Schließung des Kohlenstoffkreislaufs durch mechanisches und chemisches Recycling.
Carbon Capture and Utilization (CCU): Die direkte Nutzung von CO₂ aus der Atmosphäre oder aus Industrieabgasen als Rohstoffquelle.
Diese Transformation ist notwendig, um den „zusätzlichen“ Kohlenstoff, der durch fossile Quellen in das oberirdische System gelangt, zu stoppen und stattdessen in einem geschlossenen Kreislauf zu wirtschaften. Bis 2050 müsse der Anteil fossilen Kohlenstoffs in der Chemie gegen Null gehen – ein Ziel, das sowohl technologische Innovationen als auch massive regulatorische Anpassungen in der EU erfordert.
3. Ehrung der Besten: Sichtbare akademische Exzellenz
Direkt im Anschluss an den technologischen Ausblick folgte die Ehrung der besten Studierenden des Lehrstuhls für Sustainability Management. Prof. Spraul und Dr. Cynthia Loos (RPTU) überreichten Zertifikate an Studierende, die in den Modulen des vergangenen Semesters herausragende Leistungen erbracht hatten.
Diese Ehrung ist ein zentraler Bestandteil der Lehrstuhl-Kultur. Sie verdeutlicht, dass die Bewältigung der Nachhaltigkeitstransformation exzellentes Fachwissen erfordert. Die Preisträger:innen repräsentieren die nächste Generation von Fachkräften, die fähig sind, komplexe ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) in unternehmerische Entscheidungen zu übersetzen. Das Studium an der RPTU legt hierbei den Grundstein für die notwendige geforderte interdisziplinäre Kompetenz.
4. Open Mic: Drei Perspektiven auf Nachhaltigkeit
Im Block „Open Mic“ präsentierten drei Akteure ihre spezifischen Arbeitsfelder und verdeutlichten die Breite des Karrierefeldes Nachhaltigkeit.
Bioverfahrenstechnik: Kabelbakterien als Hoffnungsträger (Dr.-Ing. Judith Stiefelmeier, RPTU)
Dr. Stiefelmeier zeigte auf, wie der Maschinenbau zur Nachhaltigkeit beiträgt. Im Fokus standen Kabelbakterien, die in Sedimenten wachsen und Strom über Zentimeterdistanzen leiten können. Diese biologischen Filamente besitzen eine Leitfähigkeit, die bisher für organisches Material als unmöglich galt. Die Forschung an der RPTU untersucht, wie diese Bakterien genutzt werden können, um Methanemissionen in der Landwirtschaft (z. B. Reisanbau) zu reduzieren oder um biologisch abbaubare Mikroelektronik zu entwickeln. Karriere in diesem Bereich bedeutet, an der Schnittstelle von Mikrobiologie und Prozesstechnik neue Produktionswege zu finden.
Ökotoxikologie: Der Preis der Transformation (Dr. Alexander Feckler, RPTU)
Dr. Feckler warf einen kritischen Blick auf die ökologischen Auswirkungen unserer Lösungsansätze. Am Beispiel der Elektromobilität verdeutlichte er das Risiko globaler Problemverschiebungen. Während die lokale Luftqualität in Städten steigt, verursachen der Abbau von Lithium und Seltenen Erden in Südamerika oder Asien massive ökologische Schäden in dortigen Gewässersystemen. Nachhaltigkeitskarrieren in der Wissenschaft erfordern daher Mut zur Systemkritik und die Fähigkeit, Lebenszyklusanalysen (LCA) über den eigenen Tellerrand hinaus zu betreiben.
Corporate Social Responsibility (CSR) in der Praxis (Annika Rupprecht, Hornbach)
Den Abschluss bildete Annika Rupprecht, die ihren Weg als duale Studentin im CSR-Team von HORNBACH beschrieb. Sie räumte mit dem Vorurteil auf, CSR sei ein reiner „Feel-Good-Job“. In der Realität bedeutet es hartes Datenmanagement und Kommunikation. Besonders die Scope 3-Emissionen (indirekte Emissionen in der Lieferkette) stellen den Handel vor gewaltige Aufgaben: 99 % des CO₂-Fußabdrucks von Hornbach entstehen nicht an den eigenen Standorten, sondern bei der Produktion der verkauften Waren. Hier Nachhaltigkeit durchzusetzen, erfordert ein tiefes Verständnis von Lieferkettenmanagement und die Fähigkeit zum Change Management innerhalb der Organisation.
5. Vernetzung und Reflexion: Speed-Dating und Pause
Nach den dichten inhaltlichen Blöcken bot die erste Runde des Speed-Datings den Studierenden die Möglichkeit, in direkten Austausch mit den Referent:innen und weiteren Unternehmensvertretern zu treten. Dabei standen Expert:innen verschiedenster Fachrichtungen für Fragen zu Praktika, Berufseinstieg und Anforderungsprofilen zur Verfügung: Josef Apfel (FUCHS LUBRICANTS GERMANY GmbH), Markus Bender (John Deere & KlimaLautern e. V.), Annika Rupprecht (HORNBACH), Achim Dörflinger (SCHÖNHOFEN Ingenieure), Oliver Fock (AECOM), Dr. Anke Schwarzenberger (nova-Institut / RCI) sowie Alexander Wilms (SIEDA GmbH).
Diese Netzwerkphase bot zudem die Gelegenheit für eine Pause und die Besichtigung des „42“ – einem Ort, der selbst für die Transformation Kaiserslauterns steht. Der Austausch konnte so bei regionalem Catering fortgesetzt werden und unterstrich das soziale Kapital, das für die regionale Transformation unerlässlich ist.
6. Keynote: Der Mensch im Mittelpunkt der Transformation
Um 15:45 Uhr übernahm Stefan Roßkopf (1. FC Kaiserslautern) die Bühne. Er beleuchtete die soziale Dimension der Nachhaltigkeit aus der Sicht eines Profifußballvereins.
Roßkopf betonte, dass der FCK als Verein eine enorme gesellschaftliche Verantwortung trägt. Da der Fußball Menschen emotional erreicht, fungiert er als „Barrierebrecher“. Durch Projekte wie den Lernort Stadion oder die Einbindung von Nachhaltigkeitsthemen in die Spieltagskommunikation können Zielgruppen erreicht werden, die klassische wissenschaftliche Diskurse oft meiden. Er berichtete konkret von der Mobilitätsanalyse des Vereins: Da 60 % der Fans per PKW zum Betzenberg anreisen, arbeitet der Verein an Anreizsystemen für ÖPNV und Mitfahrzentralen. Doch Nachhaltigkeit bedeutet beim FCK auch Haltung: Die klare Positionierung gegen Diskriminierung und die Förderung von Diversität sind integrale Bestandteile der Vereinsidentität. Roßkopf schloss mit dem Appell: Nachhaltigkeit braucht keine perfekten Experten, sondern Menschen mit Leidenschaft, die bereit sind, unbequeme Fragen zu stellen.
7. Panel-Diskussion: Wirksamkeit und die Rolle der KI
In der abschließenden Diskussion, moderiert von Prof. Spraul, kamen Stefan Roßkopf, Josef Apfel und Markus Bender (John Deere & KlimaLautern e. V.) zusammen. Ein zentrales Thema war die Twin Transformation – das Zusammenspiel von Digitalisierung und Nachhaltigkeit.
Markus Bender erläuterte, wie John Deere Künstliche Intelligenz einsetzt, um den ökologischen Fußabdruck der Landwirtschaft zu minimieren. Durch KI-gestützte Sensoren an Erntemaschinen kann der Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln präzise gesteuert werden (Precision Farming), was Ressourcen schont und Kosten senkt. Kritisch diskutiert wurde jedoch die „Schattenseite“ der Digitalisierung: Der enorme Energieverbrauch von Rechenzentren für KI-Modelle. Die Panel-Teilnehmer waren sich einig, dass Technologie allein keine Lösung ist. Sie muss ethisch gerahmt sein und darf den Menschen nicht ersetzen, sondern muss ihn befähigen, bessere Entscheidungen zu treffen. Nachhaltigkeit in beruflichen Rollen bedeutet heute zunehmend, diese technologischen Potenziale verantwortungsvoll zu steuern.
8. Abschluss: Zweites Speed-Dating und Ausklang
Die Veranstaltung endete mit einer zweiten Runde des Speed-Datings, in der die zuvor diskutierten Themen in Einzelgesprächen vertieft wurden. Um 17:15 Uhr schloss die offizielle Agenda, doch viele Teilnehmende blieben noch zum informellen Netzwerken.
Fazit: Ein starkes Signal für die Westpfalz
Das Feedback zum Nachhaltigkeits-Karriere-Event war sowohl seitens der Unternehmen als auch der Studierenden außerordentlich positiv.
Die Unternehmen hoben die hohe Qualität der Gespräche hervor. Markus Bender (John Deere) und Achim Dörflinger (SCHÖNHOFEN Ingenieure) betonten, dass die interdisziplinäre Ausbildung an der RPTU genau die Fachkräfte hervorbringt, die sie für die Bewältigung der Transformation benötigen. Die Perspektive, Nachhaltigkeit nicht als Last, sondern als Innovationsmotor zu begreifen, stieß auf breite Zustimmung.
Die Studierenden meldeten zurück, dass die Vielfalt der gezeigten Karrierewege – vom klassischen CSR im Handel über die Spitzenforschung im Maschinenbau bis hin zur emotionalen Kommunikation im Profisport – ihnen geholfen hat, das eigene Profil zu schärfen. Besonders geschätzt wurde die Ehrlichkeit der Praxisvertreter über die Herausforderungen des Alltags.
Das Event hat eindrucksvoll gezeigt, dass Nachhaltigkeit in Kaiserslautern eine gelebte Realität ist. Die enge Verzahnung von Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ist unser größter Hebel, um den Wandel zu beschleunigen. Wir blicken voller Vorfreude auf künftige Veranstaltungen dieser Art und danken allen Teilnehmenden für ihren Beitrag zu diesem inspirierenden Nachmittag.


















